Die Sammlung des Kunststoff-Museums-Vereins

Uta Scholten © 2005

Die Sammlung des Kunststoff-Museums Vereins umfasst bis jetzt etwa 10.000 Objekte, davon sind 7.200 in der Datenbank erfasst und bearbeitet.

Historischer Überblick
1. Frühe Makromolekulare Massen (1860-1930)

Vor den Kunststoffen im eigentlichen Sinne gab es unterschiedliche makromolekulare Massen, die auf pflanzlichen oder tierischen Produkten basieren. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht für die großindustrielle Verarbeitung geeignet sind, so dass grössten Teils eher kunstgewerbliche Gegenstände in kleiner Auflage aus ihnen hergestellt wurden.

Aus dieser Frühzeit besitzt die Sammlung wenige, aber typische Objekte. Die beiden ältesten Exponate stammen aus dem Jahrzehnt zwischen 1850 und 1860. Meist aus Rinderblut wurde das sogenannte "Bois durci", ein Proteinoplast, hergestellt. Tierischen Ursprungs ist auch die ungleich größere Gruppe der Kaseinkunststoffe ("Galalith"), die eine wesentlich breitere Farben- und Gestaltungsvielfalt zuließen.

Pflanzliche Ausgangsstoffe haben das Hartgummi und das vor allem von der belgischen Produktionsstätte "Ebena" verwendete Kopalharz aus dem Kongo.

2. Die ersten Massenkunststoffe: Celluloid, Bakelit und die Phenoplaste (1900-1960)

Obwohl noch kein Kunststoff im modernen Sinne, da als Ausgangsstoff Cellulose verwendet wird, beginnt mit dem Celluloid (Nitrocellulose) die Zeit der Massenkunststoffe. Die KMV-Sammlung verfügt hier über eine breite Palette an Anwendungsbeispielen bis zu Beginn der 90ziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 2004 konnte der Kunststoff-Museums-Verein das Produktionsarchiv der Westdeutschen Celluloidwerke in Meerbusch-Lank, die als letzter westdeutscher Produzent bis 1983 Celluloid hergestellt haben, erwerben. Das Archiv beinhaltet über 2.000 Muster nebst Rezepturen aus einem Zeitraum von etwa 1950 bis 1983. Dieser Zuwachs ist besonders wichtig im Hinblick auf die Forschung. Für die problematische Konservierungssituation von Celluloid können die Informationen über die verwendeten Farben und Zusatzstoffe wichtige Aufschlüsse geben.

2. Das Zeitalter der vollsynthetischen Kunststoffe

Die Phenoplaste eröffneten zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Zeitalter der vollsynthetischen Kunststoffe. Auch hier verfügt die Sammlung des KMV über einen breiten Bestand von verschiedenartigsten Konsumartikeln bis zur technischen Anwendung. Ergänzt wird dieser reiche Bestand noch durch die vor der Jahrhundertmitte aufkommenden Aminoplaste (Harnstoff-Formaldehyd und Melamin), Polystyrol und PMMA.

Die Plastikzeit (1950-1975)

Kunststoff wird in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg zu einem bevorzugten Werkstoff der Designer, die durch die neuen technischen Möglichkeiten zu ganz neuen Form- und Farbgestaltungen inspiriert werden. Das gilt sowohl im Bereich des typisch deutschen Nachkriegsfunktionalismus als auch in der Popkultur und der Mode. Viele bekannte und heute oft wiederaufgelegte Designklassiker stammen aus dieser Epoche.

Krise und neue Ansätze (1975-1990)

Die Ölkrise 1973 und die ökologische Bewegung setzten dem Vormarsch des Kunststoff zwar kein Ende, hatten aber merkwürdige Auswirkungen auf seine Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Das Schlagwort hieß "Jute statt Plastik". Die noch bis Mitte der 70ziger auffallend gestalteten und stark farbigen Konsumgüter aus Kunststoff verloren ihre fröhliche Unbekümmertheit. Kunststoff zog sich optisch ein wenig in den Untergrund zurück: entweder durch technoide Einfachheit oder durch "Mimikri", mit dem er sich als anderes Material tarnte. Dem Vormarsch des Werkstoffs in allen Lebensbereichen tat das schlechte Image jedoch keinen Abbruch. Die ökologische Bewegung schuf zudem ein neues Bewusstsein für Kunststoffe - Stichwort Recycling -, das sich aber erst ab Mitte der 80ziger spürbar auf die Produktgestaltung auszuwirken begann.

High Tech und Retro-Design (ab 1990)

Seit dem Ende der 80ziger erfährt die Sammlung regelmäßig Ergänzungen aus der laufenden Produktion deutscher Kunststoffverarbeiter. Dazu gehören sowohl technische Teile als auch die preisgekrönten Konsumartikel der jährlichen Siegerparaden des GKV/FVKK. Die Exponat-Spenden der Hersteller für die großen Ausstellungen erweiterten ebenfalls den Bestand um interessante Beispiele der Kunststoff-Anwendung, aber auch des aktuellen Designs von Konsumgütern, die wieder durch Farbe und Mut zu ungewöhnlichen Formen die Entwicklung der 60ziger und 70ziger des 20. Jahrhunderts aufgreifen.