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UV- und Infrarotstrahler

Strahlende Schönheit - Die Heimsonnen der Sammlung Meyer

UV-Strahler, Deutschland, 40er Jahre, Metall und Phenoplast, K-1997-00902

Die Sammlung des Kunststoff-Museums-Vereins verdankt ihre schönsten Stücke oft der Leidenschaft von Privatsammlern, die uns ihre kleineren und größeren Sammlungen gespendet haben. Dazu gehört auch die Kollektion des 2004 verstorbenen Heinz Meyer, die 2006 von seiner Lebensgefährtin, Frau Jutta Hahn, dem KMV übereignet wurde. 

Der Schwerpunkt der Sammlung liegt vor allem bei Gegenständen des täglichen Gebrauchs, besonders von Geräten für die Körperpflege: Rasierapparate in allen Variationen, Haartrockner, Massagegeräte.

Anzeige für "Original Hanau Alpinette", 1958

Das Sammeln von Haushaltsgegenständen erhält oft auch solche Apparate, die zu einer bestimmten Zeit in häuslichen Inventaren durchaus gängig waren, aber durch Moden oder den technischen Fortschritt nur ein paar Jahre später völlig außer Gebrauch kommen und entsorgt werden. 

Dabei lassen sich gerade an solchen Gegenständen oft wichtige Erkenntnisse über die Lebenspraxis und Anschauungen einer Zeit gewinnen. Ein markantes Beispiel dafür sind die Strahler für UV- und Infrarotlicht, die dem Konsumenten als Höhen- oder Heimsonnen bekannt waren. In der Nachkriegszeit und bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts waren sie gängige Gegenstände in den häuslichen Inventaren, aber heute sind sie kaum noch anzutreffen.

Kleinstrahler "Sollux", Deutschland um 1935, Phenoplast

UV-Strahler - Von der medizinischen Indikation zum Lifestyle

Die Zeit zwischen den Weltkriegen und die Jahre nach dem 2. Weltkrieg waren in weiten Teilen der Bevölkerung von Mangel geprägt: Mangelhafte Ernährung, aber auch das Fehlen von Licht und Luft gaben der Bestrahlung mit künstlichem UV-Licht durchaus ihre medizinische Indikation zur Behandlung und Vorbeugung von Rachitis, wärmendes Rotlicht kam bei verschiedenen Infektionskrankheiten zur Anwendung. Eher ins Ambiente einer Klinik oder Arztpraxis gehören Großstrahler, aber es gab alsbald auch Geräte für den häuslichen Gebrauch wie einen Kleinstrahler, der mit einem Band direkt am Körper befestigt werden konnte, um mittels Wärme beispielsweise eine Mittelohrentzündung zu behandeln.

"Original Hanau Sollux", Bundesrepublik Deutschland um 1950, Metall und Phenoplast, K-2006-00133

Deutlich mobiler sind auch kleinere Geräte, die noch stark Tischlampen im Art-Déco-Stil ähneln. Technisch gesehen handelte es sich um Leuchten, die jeweils durch vorgesteckte Filter die verschiedenen Lichtarten emittierten. 

Abgesehen von den Schirmen, die die Röhren aufnehmen und aus Metall gefertigt wurden, werden überwiegend bis weit in die 60er Duroplaste für Bedienelemente, Griffe und Füße verwendet. Zunächst überwiegen Phenoplaste, später ergänzt durch Teile aus Melaminharzen, die hellere Farben zuließen. Thermoplaste hielt man wohl wegen der Hitzeentwicklung eines Strahlers für weniger geeignet.

Höhensonne "Alpinette", Bundesrepublik Deutschland 1958, Phenoplast und Metall, K-2006-00134

Nach dem Krieg werden die „Höhensonnen“ technisch ausgefeilter und auch das Design wird dem Zeitgeschmack angepasst. Die „Alpinette“ in Scheinwerferform zeigt in der Gestaltung deutliche Anklänge an das über die USA modisch gewordene Flugzeugdesign und zeichnet sich durch die Kombination von verschiedenen Röhren für UV- und Rotlicht aus. Auch die Farbigkeit wird gewagter: Pastelltöne werden dadurch erzielt, dass das dunkle Phenoplast hell lackiert wird, auch dies eine Anleihe bei amerikanischen Gepflogenheiten.

Anzeige für "Original Hanau Soliput", 1959

Aus dem medizinischen Gerät wird ein angesagter Haushaltsartikel, den man nicht nur aus medizinischen Gründen benutzt, sondern aus kosmetischen. Das spiegelt sich in der Namensgebung: eher neutral sind Wortbildungen mit den lateinischen Vokabeln für Sonne (sol) und Licht (lux): Sollux, Luxarette, Soliput…, wobei natürlich die Klangähnlichkeit zu „Luxus“ zeigt, dass man sich etwas leisten kann. Andere Wortfindungen betonen eher den Freizeitwert: Alipina, Alpinette wecken die Erinnerung an Sommerfrischen oder Skifreizeiten im Hochgebirge. Anleihen bei Adelstiteln verleihen eher mondänen Glanz: Prinzess oder Comtesse. 

Es sind die Jahre des deutschen Wirtschaftswunders: Blässe war nun nicht mehr das Zeichen für vornehmes Nichtstun, sondern das Merkmal des Stubenhockers. Urlaubsreisen ans Meer oder in die Berge wurden nun auch für breitere Schichten erschwinglich und sonnengebräunte Haut wurde zum Statussymbol. Ob man mit solchen Heimgeräten wirklich verblassende Urlaubsbräune auffrischen oder gar nachahmen konnte, bleibt zweifelhaft. Es fehlt zwar nicht an entsprechenden Warnhinweisen, aber die Anwendung war nach heutigen Maßstäben sicher nicht so ungefährlich und gesundheitsfördernd, wie es die Werbung darstellte.

Höhensonne "Evelyn", Bundesrepublik Deutschland um 1955, Phenoplast und Metall, K-2006-00120

Die Lampenmodelle waren für eine kleine Wohnung natürlich nicht ideal, praktischer waren da die zusammenklappbaren Geräte: im Deckel der Schirm mit den Röhren, das Unterteil sorgte für Standfestigkeit und Bedienungskomfort. Dabei gibt es funktionale rechteckige Modelle, aber es überwiegen runde Formen, die dem Elektrogerät mehr oder weniger das Aussehen einer Muschel verleihen. Ist es Zufall, dass die Muschel das Attribut der antiken Liebes- und Schönheitsgöttin Venus war? 

Zum modischen Gegenstand gehörte auch eine gleichwertige Verpackung: er verschwand nach Gebrauch oft in einer schicken Tasche aus PVC-Kunstleder.

"Thelta Sonne", Deutsche Demokratische Republik um 1960, Metall, Phenoplast und Harnstoff-Formaldehyd, K-2006-00111

Nicht nur in der Wirtschaftswunder-Bundesrepublik, auch in der DDR gehörten Höhensonnen offensichtlich zum guten Ton. Nur gab man ihnen nicht so klangvolle Namen. Das Modell aus dem östlichen Teil Deutschlands hieß ganz nüchtern „Thelta Sonne“, da bei der VEB Thelta hergestellt. Die Muschelform steht aber den kapitalistischen Modellen nicht nach.

Höhensonne "Comtesse", Bundesrepublik Deutschland, um 1970, Melaminharz, PMMA und Metall, K-2006-00109

Aber die Tage der schwellenden Formen in der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen, die am Organischen orientiert waren, waren gezählt. Mit den 60er Jahren gewinnt der deutsche Nachkriegsfunktionalismus mehr und mehr Raum, die Geräte werden eckig und verlieren ihre sinnliche Komponente. Ein typisches Beispiel ist die Höhensonne „Comtesse“ der Firma Dr. Kern. Das Funktionsprinzip bleibt gleich – ein aufklappbares Modell für den Hausgebrauch -, aber die rechteckige Form scheint eher aus dem Metallbau abgeleitet, auch wenn die Bedienelemente sehr apart aus transparentem PMMA gestaltet sind. Das Orange des Gehäuses kündigt schon die Schockfarben der Popära an.

Höhensonne "Original Hanau 222", Bundesrepublik Deutschland um 1965, Original Hanau, Melaminharz, Polystyrol, Metall, K-2006-00112

Die Zeit der Heimsonnen ging ohnehin zu Ende. Pauschalreisen in südliche Gefilde waren zum Massenphänomen geworden, und nur mit einer braunen Gesichtshaut war es nun nicht mehr getan. Die Sonnenbank für die Ganzkörperbehandlung machte ab den 80ern den UV-Strahler im eigenen Heim überflüssig.  

Der kleine Streifzug durch den Bestand der Heimsonnen aus der Sammlung Meyer-Hahn zeigt wieder die enge Verknüpfung von Kultur- und Kunststoffgeschichte. Das Gerät und seine Entwicklung illustrieren gesellschaftliche Vorstellungen und Werte seiner Entstehungszeit. Hier der Wandel von der eher medizinischen Anwendung zum kosmetischen Hilfsmittel, was sich nicht nur in der Funktionalität sondern auch in der Formgebung spiegelte. Es sollte helfen, ein Schönheitsideal zu erfüllen, das von Reisen in den Süden oder ins Hochgebirge sprechen sollte, die man sich in der sich entwickelnden Wohlstandsgesellschaft plötzlich leisten konnte. Es war die Zeit, in der die italienische Adriaküste ihren Spitznamen als „Teutonengrill“ erwarb. Gleichzeitig fand sich in vielen Haushalten ein relativ aufwändiges Elektrogerät, das diesen Effekt der Sonnenbräunung künstlich herstellen sollte.  

In unseren Tagen kann man zu jeder Jahreszeit zu erschwinglichen Preisen ein Urlaubsziel erreichen, wo man sich die modische Sonnenbräune beschaffen kann. Oder man sucht für eine Ganzkörperbehandlung ein Sonnenstudio in der Nachbarschaft auf. Ganz abgesehen davon stammen Heimsonnen aus einer Zeit, in der man mit UV-Strahlung eher unbedarft umging. Ozonloch und Hautkrebsrisiken waren noch Fremdwörter in der sich gerade entfaltenden Freizeitgesellschaft. 

© Uta Scholten     2006

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