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Eames

Zum 100. Geburtstag vom Charles Eames (1907-1978)

Stapelstuhl, Ausstattung der Messe Düsseldorf von 1971 (K-1993-00704)

 

Sitzen als technisches Problem: der Plastic Side Chair

 

Die meisten dürften ihn schon „besessen“ haben, ohne sich bewusst zu sein, dass es sich um einen Longseller und Klassiker des Kunststoffdesigns handelt. Man findet ihn überall, vor allem im öffentlichen Bereich: Büros, Kantinen und Wartezimmern. Und das seit über 50 Jahren:  Der Plastic Side Chair von Charles und Ray Eames. Das bei seiner Einführung revolutionäre Konzept dieses Stuhles ist uns inzwischen so vertraut, dass es banal erscheint: die Kombination einer Sitzschale aus Kunststoff mit verschiedenen Untergestellen aus Metall, Holz etc. 

Variante mit Schaukelgestell und Armlehnen für Kinder (K-1992-00385)

Der Stuhl als Arbeitsplatz ist ein noch recht junges Phänomen. Das erhöhte Sitzen auf einem Stuhl oder einer Bank war in Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte ein Herrschaftssymbol oder das Vorrecht einer privilegierten Klasse. Die fortschreitende Industrialisierung schuf immer mehr Verwaltungsaufgaben, die von einem Heer von Angestellten im Sitzen erledigt wurden. Im Sinne eines optimierten und effektiven Produktionsprozesses musste natürlich auch der Faktor Mensch möglichst gut funktionieren, weshalb man sich bald mit der Anpassung des Arbeitsplatzes an die körperlichen Gegebenheiten, der Arbeitsergonomie, zu beschäftigen begann. Das Problem des Sitzens wurde vor allem während des zweiten Weltkriegs virulent, schuf der Krieg doch Extremarbeitsplätze im Sitzen, deren Optimierung für einen militärischen Erfolg entscheidend werden konnte: Bomberpiloten.

Nach mehr als 30 Jahren noch fit: Stapelstuhlvariante 2007 in der Messe Düsseldorf

Die im militärischen Bereich gewonnenen Erkenntnisse versuchte man nach 1945 auch für den zivilen Einsatz nutzbar zu machen. Charles und Ray Eames, ein amerikanisches Designerehepaar, experimentierten dazu mit einem relativ neuen, viel versprechenden Werkstoff, glasfaserverstärktem Polyesterharz. Es schien besonders geeignet  für Sitzgelegenheiten, die sich optimal an den menschlichen Körper anpassen konnten. Ihre Lösung war ein schalenförmiger Kunststoffsitz, bei dem Sitzfläche und Rückenlehne – in einer Variation auch die Armlehnen – in einer organischen Form zusammen gefasst waren. Die Beine waren nicht Bestandteil dieser Kunststoffform, sondern konnten in verschiedenen Ausführungen mit dem Kunststoffoberteil kombiniert werden: Holz- oder Metallbeine, ein Gestell mit Rollen, eine Unterkonstruktion, die die Montage mehrerer Sitze nebeneinander als Bank erlaubte.

Der Panton-Chair von 1967 (K-1992-00339)

Der Plastic Side Chair wurde 1948 zum ersten industriell gefertigten Kunststoffstuhl und wird bis heute produziert, zuerst von der Hermann Miller Furniture Company, Michigan, seit 1957 von Vitra in Weil am Rhein. 1993 stellte Vitra die Produktion kurzzeitig ein, da der glasfaserverstärkte Kunststoff des Originalentwurfs nicht recyclingfähig war. Inzwischen wird die Sitzschale aus Polypropylen hergestellt, so dass das Produkt nun auch wieder ökologisch einwandfrei ist.

Warum nun setzte sich gerade dieses Konzept für einen Kunststoffstuhl so lange durch? Innovativer scheinen doch Entwürfe die wie der berühmte Pantonstuhl von 1967 oder der Bofingerstuhl  BA 1171 (1964), die aus einem Stück Kunststoff bestehen. Zugegeben, sie genießen bei Kennern heute Kultstatus, aber sind längst nicht so weit verbreitet und wurden auch nicht so offensichtlich plagiiert.

Das gleiche Prinzip von Kunststoffsitzschale und Metalluntergestell: Stuhl "Snille" von Ikea, 1999 (K-2005-00169)

Die Antwort dürfte gerade die Kombination von Kunststoff und einem Untergestell aus einem anderen Material sein. Im Gegensatz zum Panton Chair, der durch seine Form eine skulpturale Qualität gewinnt und daher auffällt, ist der Eames Stuhl in seiner Formgebung wesentlich zurückhaltender. Durch die verschiedenen Varianten der Untergestelle präsentiert er sich in unterschiedlichen Umgebungen vorteilhaft: mit Holzbeinen im heimischen Esszimmer, mit konstruktivistischem Drahtgestell im hippen Ambiente einer Werbeagentur oder in Reihe montiert im Wartebereich eines Airports.

Zum Nachlesen:
Joseph Rykwert, Die Sitzhaltung - Ein Methodenproblem, in: Ders., Ornament ist kein Verbrechen. Architektur als Kunst (Köln 1983), S. 35-49.
Bernd Polster und Tim Elsner, Designlexikon USA (Köln 2002).
Florian Hufnagl (Hrsg.), Plastics + Design. Ausstellung Die Neue Sammlung, Staatliches Museum für angewandte Kunst, München Februar bis Juni 1997 (Stuttgart 1997), S. 56-59.
Homepage Vitra

© Uta Scholten      2007

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