Sie möchten eine Austellung mit dem Kunststoff-Museums-Verein realisieren?
Rufen Sie uns an: 0208 - 77 858 167

Daf und Gubbo

Déja Vu!

DAF-Stuhl (K-1992-00368) und Sessel Gubbo (K-2005-00171)

Auf den ersten Blick ist die Ähnlichkeit zwischen den beiden Stühlen frappant: eine weiße Sitzschale aus Kunststoff auf einem vierfüßigen Metallgestell, rote Sitzpolster verheißen hohen Komfort.

Der „DAF Chair“ links wurde 1956 von dem amerikanischen Designer George Nelson (1908-1986) entworfen. Nelson hatte 1946 den Posten des Designdirektors bei der kleinen Firma Hermann Miller, Zeeland, Michigan, übernommen. Unter seiner Federführung wurde aus der kleinen Möbelschmiede in der amerikanischen Provinz der führende Hersteller für Büromöbel, dessen Produkte auch jenseits des Atlantiks Furore machten und in den Nachkriegsjahren den Stil der Möbelavantgarde bestimmten. Das gelang nicht nur durch Nelsons eigene Entwürfe, sondern auch durch sein Geschick, andere talentierte Designer für sein Unternehmen zu gewinnen. Dazu gehörte auch das junge Designerehepaar Charles und Ray Eames, die nach dem Krieg begonnen hatten, mit Kunststoff als Material für Sitzmöbel zu experimentieren.
Dieser Neuentwicklung verdankt sicher auch der DAF-Chair seine Inspiration. Die Sitzschale aus glasfaserverstärktem Polyester erlaubt gerundete organische Formen, die dem Körper angepasst sind. Trotz dieser innovativen Gestaltung ist der Bruch mit der Tradition dennoch weniger radikal, als es scheinen mag: die klassischen Elemente eines Stuhls sind noch deutlich zu unterscheiden: Beine, Sitzfläche, Arm- und Rückenlehnen sind klar definiert und voneinander abgegrenzt. Zudem bezieht sich die Formensprache noch deutlich auf das Stromliniendesign, das vor allem in Amerika seit den 30er Jahren in der Produktgestaltung den Ton angab: die tropfenförmigen Enden der Armlehnen und die geschwungenen Formen suggerieren Dynamik und Modernität.

Der Stuhl „Gubbo“ rechts ist ein europäischer Nachfahre der ersten Kunststoffstühle. Er wurde 2004 vom Kopenhagener Büro „Pelikan Design“ für den schwedischen Möbelriesen Ikea entwickelt. Die Formensprache ist reduziert, die einzelnen Komponenten wie das Fußgestell und die Sitzschale lassen sich auf elementare Grundformen zurückführen: aus einer Kugelhülle ausgeschnittene Segmente, auch die Form der beiden Sitzpolster basiert auf Kreisausschnitten. Dieser scheinbar so minimalistische Aufbau bezieht seine Spannung dennoch aus der Anspielung auf 50 Jahre Design mit Kunststoff. Vor allem die Entwürfe der Popära in den 60ern, wie der damals futuristisch wirkende Sessel „Ball“ des finnischen Designers Eero Aarnio (1963) findet hier ein Echo am Anfang des 21. Jahrhunderts. Dass es sich jedoch um kein Nostalgiemöbel handelt zeigt sich sehr deutlich in der Herstellungsart der Sitzschale. Mussten die ersten Kunststoffsitze noch mit aufwendiger Handarbeit aus Glasfibermatten, die in eine Form gepresst und mit flüssigem Polyesterharz bepinselt wurden, hergestellt werden, verlässt die Gubbo-Sitzschale dank des Kunststoffs Polypropylen in einem automatisierten Arbeitsgang die Spritzgussmaschine und ist somit ideal für eine preiswerte Massenproduktion. Stabilität erhält die Kunststoffform durch eine Gitterstruktur auf der Sitzfläche, dieses konstruktive Detail verschwindet jedoch dezent unter dem Polster. Ein weiterer Vorteil bei der Verwendung des sortenreinen Thermoplasts Polypropylen ist seine Wiederverwertbarkeit, wenn das Möbel nicht mehr gebraucht wird oder defekt ist.

Der DAF-Chair und Gubbo verkörpern auf diese Weise fast ein halbes Jahrhundert Designgeschichte, in dem Möbelentwürfe aus Kunststoff von der bewunderten und teilweise belächelten Avantgarde zu einer kaum noch hinterfragten allgegenwärtigen Tatsache geworden sind. Genauso sind sie Beispiele für den Fortschritt bei der Verarbeitung dieses Werkstoffs: in den 50ern des 20. Jahrhunderts noch eher experimentell und mit viel Handarbeit zu gestalten, stehen Kunststoffe erst am Anfang einer Karriere als ideales Material für industrielle Massenproduktion in der Möbelindustrie, die am Beginn des 21. Jahrhunderts durch leicht zu verarbeitende Massenkunststoffe wie die Polyolefine völlig selbstverständlich geworden ist.

 

 tools: