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Kulturgeschichte

Eine Kulturgeschichte in Kunststoff

Palettentischchen, Melaminharz und Holz, Hersteller: Plastilan, Bundesrepublik Deutschland 1950, K-1997-00708

Trotz gewisser Unzulänglichkeiten und Lücken im Bestand, die sich aus dem Entstehungsprozess der Sammlung erklären, bietet sie inzwischen einen ziemlich guten Überblick über die Alltagskultur in Kunststoff. Sie bewegt sich auf der Schnittstelle zwischen dem Bestand von Technikmuseen und den landläufigen Sammlungen von Industrie-Design in den meisten Kunstgewerbemuseen. Diese konzentrieren sich meist auf die vorbildliche "gute Form", während der KMV auch Gebrauchsgegenstände aus Kunststoff besitzt, deren gestalterischer Wert zwar eher zweifelhaft ist, die jedoch als Dokumente der Alltagskultur von Bedeutung sind, wozu natürlich auch die Abteilung "Kitsch" gehört. 

Die Bedeutung solcher Objekte liegt in der Möglichkeit zur Identifikation. Der Besucher eines Kunststoff-Museums erwartet in den meisten Fällen keinen hochfliegenden ästhetischen Genuss. Um seine Aufmerksamkeit zu wecken, spielt der Wiedererkennungswert eine große Rolle. Die häufige Besucherreaktion "...sowas hatten wir, meine Mutter oder meine Oma auch zu Hause..." schafft Nähe und wird oft zum Anknüpfungspunkt für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema. 

 

Historischer Überblick: 1. Frühe Makromolekulare Massen (1860-1930)

Gebetbuch, Deckelrelief Bois Durci, Einband Celluloid, Böhmen 1884, K-1997-00715

Vor den Kunststoffen im eigentlichen Sinne gab es unterschiedliche makromolekulare Massen, die auf pflanzlichen oder tierischen Produkten basieren. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht für die großindustrielle Verarbeitung geeignet sind, so dass grössten Teils eher kunstgewerbliche Gegenstände in kleiner Auflage aus ihnen hergestellt wurden. 

Aus dieser Frühzeit besitzt die Sammlung wenige, aber typische Objekte. Die beiden ältesten Exponate stammen aus dem Jahrzehnt zwischen 1850 und 1860. Meist aus Rinderblut wurde das sogenannte "Bois durci", ein Proteinoplast, hergestellt. Tierischen Ursprungs ist auch die ungleich größere Gruppe der Kaseinkunststoffe ("Galalith"), die eine wesentlich breitere Farben- und Gestaltungsvielfalt zuließen. 

Pflanzliche Ausgangsstoffe haben das Hartgummi und das vor allem von der belgischen Produktionsstätte "Ebena" verwendete Kopalharz aus dem Kongo. 


Waschtischkombination, Celluloid, Metall, Glas, Großbritannien um 1915, K-2002-00949

2. Die ersten Massenkunststoffe: Celluloid und die Phenoplaste (1900-1960)

Obwohl noch kein Kunststoff im modernen Sinne, da als Ausgangsstoff Cellulose verwendet wird, beginnt mit dem Celluloid (Cellulosenitrat) die Zeit der Massenkunststoffe. Die KMV-Sammlung verfügt hier über eine breite Palette an Anwendungsbeispielen bis zu Beginn der 90ziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 2004 konnte der Kunststoff-Museums-Verein das Produktionsarchiv der Westdeutschen Celluloidwerke in Meerbusch-Lank, die als letzter westdeutscher Produzent bis 1983 Celluloid hergestellt haben, erwerben. Das Archiv beinhaltet über 2.000 Muster nebst Rezepturen aus einem Zeitraum von etwa 1950 bis 1983. Dieser Zuwachs ist besonders wichtig im Hinblick auf die Forschung. Für die problematische Konservierungssituation von Celluloid können die Informationen über die verwendeten Farben und Zusatzstoffe wichtige Aufschlüsse geben.

3. Die ersten vollsynthetischen Kunststoffe

Kompass, Phenoplast und Messing, Hersteller: VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow, Deutsche Demokratische Republik 1950, K-1997-00897

Die Phenoplaste (Phenolharze) eröffneten zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Zeitalter der vollsynthetischen Kunststoffe. Auch hier verfügt die Sammlung des KMV über einen breiten Bestand von verschiedenartigsten Konsumartikeln bis zur technischen Anwendung.

 Ergänzt wird dieser reiche Bestand noch durch die vor der Jahrhundertmitte aufkommenden Aminoplaste (Harnstoff-Formaldehyd und Melaminharz), Polystyrol und Polymethylmethacrylat (bekannter unter dem Handelsnahmen Plexiglas®). Zu den wichtigen Werkstoffen, die noch vor dem 2. Weltkrieg erfunden und eingesetzt wurden gehören auch Polyvinylchlorid (PVC) und die Polyamide, die zur Herstellung von Fasern geeignet waren. Strümpfe aus Nylon wurden zum Objekt der Begierde und fungierten im Deutschland der Nachkriegszeit als Ersatzwährung.

4. Die Plastikzeit (1950-1975)

Tischlampe "Nesso", Design: Gruppo Architetti Urbanisti Citta Nuova, Hersteller: Artimide, Italien 1964, Acrylnitril-Butadien-Styrol, K-1992-00302

Kunststoff wird in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg zu einem bevorzugten Werkstoff der Designer, die durch die neuen technischen Möglichkeiten zu ganz neuen Form- und Farbgestaltungen inspiriert werden. Das gilt sowohl im Bereich des typisch deutschen Nachkriegsfunktionalismus als auch in der Popkultur und der Mode. Viele bekannte und heute oft wiederaufgelegte Designklassiker stammen aus dieser Epoche.

5. Krise und neue Ansätze (1975-1990)

Radiowecker "Sono Clock", ABS, Hersteller: Grundig Radiowerke GmbH, um 1980, K-2002-01075

Die Ölkrise 1973 und die ökologische Bewegung setzten dem Vormarsch des Kunststoff zwar kein Ende, hatten aber merkwürdige Auswirkungen auf seine Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Das Schlagwort hieß "Jute statt Plastik". Die noch bis Mitte der 70ziger auffallend gestalteten und stark farbigen Konsumgüter aus Kunststoff verloren ihre fröhliche Unbekümmertheit. Kunststoff zog sich optisch ein wenig in den Untergrund zurück: entweder durch technoide Einfachheit oder durch "Mimikri", mit dem er sich als anderes Material tarnte. Dem Vormarsch des Werkstoffs in allen Lebensbereichen tat das schlechte Image jedoch keinen Abbruch. Die ökologische Bewegung schuf zudem ein neues Bewusstsein für Kunststoffe - Stichwort Recycling -, das sich aber erst ab Mitte der 80ziger spürbar auf die Produktgestaltung auszuwirken begann.

 

6. Kunststoffe für High Tech-Anwendungen und Retrodesign (ab 1990)

Dekoleuchte "Lumibär", Polyethylen, Design: Hein & Leidig, Hersteller: Elmar Flötotto, Bundesrepublik Deutschland 1998, K-1998-00231

Seit dem Ende der 80ziger erfährt die Sammlung regelmäßig Ergänzungen aus der laufenden Produktion deutscher Kunststoffverarbeiter. Dazu gehören sowohl technische Teile als auch die preisgekrönten Konsumartikel der jährlichen Siegerparaden des GKV/FVKK. Die Exponat-Spenden der Hersteller für die großen Ausstellungen erweiterten ebenfalls den Bestand um interessante Beispiele der Kunststoff-Anwendung, aber auch des aktuellen Designs von Konsumgütern, die wieder durch Farbe und Mut zu ungewöhnlichen Formen die Entwicklung der 60ziger und 70ziger des 20. Jahrhunderts aufgreifen.  Das gilt vor allem für farbenfrohe Alltagsgegenstände aus Polyethylen oder Polypropylen. Diese Werkstoffe sind ungiftig und lassen sich gut wiederverwerten.

Dokumentation des Alltags

Spieluhr, Celluloid, Metall, 1950, K-1993-00256

Der schwedische Sammler Thomas Lindblad, der sich vor allem mit skandinavischen Kunststoff-Produkten beschäftigt, hat vor kurzem noch beklagt, dass viele Gegenstände aus Kunststoff, die vielleicht einmal zu hunderttausenden hergestellt worden sind, heute kaum mehr dokumentiert sind, weil sie dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprechen, für die meisten Sammlungen als zu banal eingestuft werden und daher im Müll landen. Es ist noch nicht zu spät, den Versuch zu machen, die Produktkultur des Alltags im 20. Jahrhundert noch durch die Sammlungstätigkeit möglichst breit zu dokumentieren. Es ist nicht legitim, durch die Auswahl nur der vorbildlichen Formgestaltung so zu tun, als habe es Banales und formtechnisch Misslungenes in der Gestaltung von Kunststoff-Produkten nicht gegeben. Es würde einer ästhetischen Geschichtsfälschung gleichkommen.


Kunststoffverpackung und Marke

Duschgel-Flasche, Polyethylen, Design: Luigi Colani, Schweiz um 1985, K-1999-00037

Ein im Blick auf die Dokumentation der Alltagskultur ebenfalls bedeutender Bereich ist der der Kunststoffverpackung. In ihrer Formensprache drücken sich ebenso wie bei anderen Gebrauchsgegenständen ästhetische Haltungen und kulturelle Gepflogenheiten aus. Gerade die Verwendung von Kunststoffen ermöglichte oft erst ein modernes Produktmanagement, in dem unverwechselbare Formen die Verbreitung einer Markenidentität durch die äußere Gestaltung für Massengüter des 20. Jahrhunderts in Gang setzte. Die stiefelförmige Dose für Fußpuder aus Phenoplast steht noch am Anfang dieses Prozesses. Ein markantes Beispiel für die Wichtigkeit der Produktgestaltung ist die von Luigi Colani entworfene Duschgelflasche aus Polyethylen. In diesen Zusammenhang gehört auch die Sammlung von über 1.000 Tragetaschen aus Polyethylen, die bisher aus Zeitgründen nicht im einzelnen bearbeitet werden konnte. 


Kunststoff zwischen High Tech und Antiquität

Mobiltelefon "S 10", ABS, Hersteller: Siemens AG, Bundesrepublik Deutschland 1998, K-1998-00144

Nichts ist so verstaubt wie die Mode von gestern und ähnliches könnte man auch von den technischen Produkten sagen. Während die ehemalige High-Tech von vorgestern schon über den Charme einer Antiquität verfügt, wirken das Computergehäuse aus dem Jahr 1990 oder das Mobiltelefon aus dem Jahr 1998 im Vergleich zum heutigen Stand der Technik fast nur noch kurios. Angesichts der immer kürzeren Aktualität technischer Geräte ermöglicht der Bestand des KMV interessante Vergleiche.Wie sehr Kunststoffgeschichte auch Kulturgeschichte repräsentiert, soll mit einer Reihe von Alltagsgegenständen aus dem Bestand demonstriert werden. 


Kulturgeschichte am Beispiel Haartrockner

Haartrockner "Fön", Phenoplast, Hersteller: AEG, Deutschland 1928, K-1997-00986

1928 brachte die Firma AEG einen Handhaartrockner mit einem Gehäuse aus Bakelit auf den Markt, der nach dem warmen Alpenwind den Namen "Fön" erhielt. Es zeigt sich ein enger Konnex zwischen Gesellschafts-, Kostüm- und Produktgeschichte. Die Entstehung und der Markterfolg eines solchen Geräts war nur möglich durch die zunehmende Berufstätigkeit der Frau nach dem ersten Weltkrieg und dem dadurch beeinflussten Umbruch in der Mode: kurze Röcke und kurze Haare. Dass es das richtige Produkt zum richtigen Zeitpunkt war, zeigt sich auch an der Übernahme der Produktbezeichnung in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch: Fön, sich fönen, Fönfrisur. 


Haartrockner auf Standfuß, Phenoplast, Hersteller: Vorax, Deutschland 1949, K-1997-00544

Das einer Handfeuerwaffe ähnliche Design des AEG-Produkts blieb wegweisend für die weitere Gestaltung des Gegenstands. Ein vielleicht bewusstes Gegenmodell war das stabförmige Gerät "Edir" der Firma Siemens aus den 30igern des 20. Jahrhunderts. Diese und andere Varianten blieben aber eher in der Minderheit.Typisch für die deutsche Produktgeschichte ist das Modell "Vorax". Es handelte sich um einen Universalmotor, der mit entsprechenden Aufsätzen in verschiedene Haushaltsgeräte verwandelt werden konnte: Mixer, Staubsauger und auch ein Haartrockner. Das stabile Grundgerät war sehr schwer, so dass es als Haartrockner nicht mehr in der Hand gehalten werden konnte, sondern mit einem Standfuß versehen wurde.


Haartrockner "HLD 4", Polystyrol, Design: Dieter Rams, Hersteller: Max Braun AG, Bundesrepublik Deutschland 1975, K-1998-00026

Auch nach dem zweiten Weltkrieg halten sich die Varianten des Modells "Fön", wobei die Phenoplaste von den moderneren Kunststoffen, die attraktivere Farben ermöglichen, abgelöst werden. In den Siebzigern in dem obligatorischen Orange. Der minimalistische Entwurf aus Polystyrol von Dieter Rams für Braun fand keine weitere Nachfolge. Das Grundprinzip des "Fön" bleibt bei aller Variation in Form und Material erhalten. 


Ausblick

Tasse, Melamin, Design: Russel Wright, USA 1953, K-1992-00330

Es ist nicht leicht, einen Bestand wie den des KMV ausreichend darzustellen. Dieser Überblick sollte einen gewissen Eindruck über den Reichtum und das Potenzial der Sammlung vermitteln.

Es bleibt noch viel zu tun im Hinblick auf die Lücken im historischen Bestand und die weitere Entwicklung sollte im Auge behalten werden.

Schon heute repräsentiert die Sammlung jedoch wichtige Aspekte der Material- und Anwendungsgeschichte von Kunststoffen, die in anderen Institutionen (z. B. Museen für Kunsthandwerk oder Design) wegen ihrer ganz anders gelagerten Sammlungsinteressen so nicht darstellbar sind.

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