Kunststoff Erfinder Leo Henrik Baekeland (1863 – 1944)

Der Vater des ersten vollsynthetischen Kunststoffs

Leo Henrik Baekeland wurde 1863 in Gent, Belgien, geboren. Anders als zum Beispiel der Celluloid-Erfinder Hyatt war er jedoch kein „Quereinsteiger“ in Sachen Chemie: bereits mit 17 Jahren nahm er in seiner Heimatstadt ein entsprechendes Studium auf – bei keinem geringerem als bei Friedrich August Kekulé. Der Name Kekulé ist selbst heute noch vielen Chemikern ein Begriff: Er ist der Mann, dem angeblich im Schlaf die Formel für den Benzolring einfiel, an der sich damals alle anderen Chemiker die Zähne ausgebissen hatten. Lernen bei den Besten!

Dass es Baekeland ausgerechnet zur Chemie zog, war bereits früh klar: Schon als Schüler faszinierte ihn die Fotografie. Um an die dringend benötigten Silbersalze für die Fotoentwicklung zu kommen, erfindet er kurzerhand eigene Verfahren für ihre Gewinnung. Neuartige Verfahren! Diese Leidenschaft begleitete ihn noch lange – und er brachte es sehr weit damit. Sehr viel später verkaufte Baekeland ein Patent für lichtempfindliches Fotopapier an Eastman Kodak: 750.000 Dollar bekam er dafür, das wären heute um die 25 Millionen. 

Man darf also durchaus vermuten, dass Baekeland nicht nur ein recht heller Kopf war, sondern auch mit einem guten Geschäftssinn gesegnet. Schon mit 21 Jahren konnte er die Tür zu Kekulés Labor hinter sich zu ziehen und mit seinem Doktortitel in der Tasche eine Reise in die USA antreten – mit einem Reisestipendium, das bestimmt auch nicht jedem nachgeworfen wurde.

Es wird heiß – und zäh

Die erste Kaffeemühle aus Kunststoff bestand aus Bakelit.

Fotographie war nicht das Einzige, was Baekeland interessierte: bald machte er sich zum Beispiel auf die Suche nach neuen Isolierstoffen für elektrische Geräte. Dabei machte er irgendwann auch Experimente mit Phenol und Formaldehyd (übrigens „Form-Aldehyd“ ausgesprochen). Beides gab es damals in rauen Mengen, Phenol wurde zum Beispiel aus Steinkohlenteer gewonnen; es riecht auch ein wenig so. Also warum nicht mal gucken, ob sich damit etwas Sinnvolles anstellen ließe.

Und das funktionierte tatsächlich: Anfang des 20. Jahrhunderts, vermutlich so um 1907/1909, fand Baekeland heraus, dass diese beiden Substanzen heftig miteinander reagierten. Wenn man sie in ein Gefäß gibt, wird es heiß – und kurz darauf findet man darin eine zähe Masse. Dabei entsteht zwar auch etwas Wasser, aber wenn man das entfernt, bleibt ein Material übrig, das man gut in Formen pressen kann. Erhitzen, etwas Druck drauf – und sie erstarrt, fertig ist das Produkt. Und zwar auf Dauer. Wieder weich machen, etwa durch neues Erhitzen, geht nicht. Darum nennt man Kunststoffe wie Bakelit „Duroplaste“. „Duro“ bedeutet hier „auf Dauer“.

Baekeland war so bescheiden, dem neuen Material den Namen „Bakelit“ zu geben. Damit hat er sich für immer in die Geschichte der Kunststoffe eingeschrieben, denn Baekelands Bakelit ist nichts weniger als der erste vollsynthetische Kunststoff. Also ein Werkstoff, dessen Rohstoffe eindeutig nirgendwo in der Natur vorkommen – wie zum Beispiel Campher oder Schellack. Phenol und Formaldehyd wachsen eben nicht auf Bäumen.

Schalter aus Bakelit halten ewig

Bakelit war das ideale Material für Elektrogeräte, da es den Strom nicht leitet. Im ersten elektrischen Haartrockner von AEG (1928) zahlt sich auch seine Hitzebeständigkeit aus.

Was man aus dieser Bakelit-Masse alles machen kann, ist erstaunlich. Da Baekeland zuerst nach Isoliermaterialien gesucht hatte, fand dieser Kunststoff natürlich als erstes in der Elektrotechnik und in Messinstrumenten seine Anwendung: In Fabriken entstanden daraus Verteilerkappen, Schalter und Zündspulen, Drahtisolierungen und Gehäuse für elektrische Geräte, Telefone, Spulen, Drehknöpfe und Isolierungen für die Funktechnik und Flugzeuginstrumente. 

Wie unverwüstlich dieser Werkstoff war, kann man daran erkennen, dass man in manchen Kellern und Wohnungen heute noch hier und da auf Schalter und Sicherungskästen aus Bakelit findet: Der Strom in den Leitungen ist ja heute noch derselbe wie vor über 100 Jahren. Auch die Autoindustrie griff natürlich dankbar zu. Allerdings setzte sie Bakelit nicht unbedingt nur als Isolator ein. Denn man merkte schnell, dass dieser Duroplast auch Hitze, Gase, Öl und Schmutz aushält. Ideal für diverse Jobs unter der Motorhaube, denn Bakelit bleibt als Duroplast eben auch in der Nähe des heißen Verbrennungsmotors standhaft. Später mischte man dem an sich etwas spröden Material auch noch diverse Füllstoffe bei, die das Material etwas weniger schlagempfindlich machen.

Spielwiese für Art-Deco-Designer

Auch der bekannte „Volksempfänger“ aus den 1930er Jahren hatte ein Bakelit-Gehäuse – zumindest das mit Wechselstrom-Anschluss. Für batteriebetriebene Exemplare musste sich der Kunde leider noch mit Holz zufriedengeben.

Der Rest ist im Prinzip schnell erzählt: 1910 gründete Baekeland sein eigenes Unternehmen, die „General Bakelite Company“. Im selben Jahr erblickte auch die Bakelite GmbH, Erkner bei Berlin das Licht der Welt. Berlin war damals eine der wichtigsten Kulturstädte der Welt, auf Augenhöhe mit London und New York, wo Bakelit als erstes vorgestellt worden war. 

Ein wichtiger Schritt! Denn Bakelit schlug nicht nur bei den Ingenieuren, sondern eben auch bei den Designern dieser Zeit ein wie eine Bombe. Auch sie bekamen schnell heraus, dass das neue Material aus den USA zum einen so gestaltungsfreundlich war wie vielleicht Holz, zugleich aber auch für die Serienproduktion geeignet – zum Beispiel von Radios und Lautsprechern. Bald entwickelten Designer aus der formbaren Masse revolutionär neue Formen. 

In den 1930er Jahren fand man in gut wie jedem US-Haushalt ein Radio. Und viele davon waren aus Bakelit. In Deutschland erschien der sogenannte Volksempfänger: preiswert und natürlich mit einem Bakelit-Gehäuse. Die ersten 100.000 Geräte kosteten 76 Reichsmark. Schon nach 8 Stunden hatten die Händler keine mehr: ausverkauft!

Heute fliegt Bakelit sogar im Airbus mit

Bakelit ist bei weitem kein Oldie-Werkstoff aus den 1930er Jahren – hier ein Wasserkessel mit Bakelitgriff von 1960. Auch heute noch findet der Kunststoff seine Anwendungen.

Und heute? Ist Bakelit immer noch nicht ganz aus dem Geschäft. Man nutzt die Stärken dieses Kunststoffs als Bindemittel in Bremsbelägen, nach wie vor in der Ummantelung von Motorelektrik, in Topfgriffen, im Korrosionsschutz. Sogar Teile der Airbus-Innenverkleidung bestehen daraus. Selbst Teile der Euro-Rakete Ariane sind mit Bakelit-Abkömmlingen ummantelt.

Und Baekeland? Er hatte auch mit weit über 70 noch lange nicht vor, die Hände in den Schoß zu legen. 1939 verkaufte er sein Unternehmen zwar an Union Carbide; im Zweiten Weltkrieg arbeitete er aber noch als Berater der US-Regierung. Baekeland starb 1944 in Yonkers, USA.