Sammlung Neu in unserer Sammlung 2020: Telefonieren

© LVR-Industriemuseum, Jürgen Hoffmann

Im Zuge der Recherchen zur Ausstellung „nützlich & schön“ haben wir unsere Sammlung auch um einige frühe Telefone mit Kunststoffgehäuse erweitert. Als erster Fernsprecher mit einem kompletten Gehäuse aus Phenol-Formaldehyd-Harz gilt das DBH 1001 von Ericsson aus dem Jahr 1931. Für die Gestaltung dieses Apparates wurde der norwegische Maler Jean Heiberg (1884-1976) verpflichtet.

Der Ericsson-Fernsprecher verbreitete sich nicht nur in Schweden, sondern wurde auch bei der französischen PTT und in den Niederlanden zum Standardapparat. Auch in Amerika hinterließ das Design Spuren. So ist das berühmte Model 300 - das fehlt übrigens noch in unserer Sammlung - des einflussreichen Entwerfers Henri Dreyfuss ohne das schwedische Vorbild nicht denkbar.

1966
Model 500, Telefon „Model 500“

Die Gestaltung des Gehäuses von Heiberg mit den scharfen Kanten war jedoch für die Verarbeitung von Phenol-Pressmassen nicht ideal. 1947 gab es eine Überarbeitung des niederländischen Gestalters Gerard Kiljan (1891-1968). Die Grate sind hier abgerundet, so dass sich das Pressteil viel besser aus der Form lösen lässt. Der Handapparat ist organischer gestaltet, so dass er nicht mehr wirkt, als hätte man nur die beiden Funktionsteile - Mikrophon und Lautsprecher - durch eine Stange als Handgriff verbunden. Er ist ganz offensichtlich vom amerikanischen Model 300 abgeschaut. 

Aus Amerika kommt auch die Spiralschnur statt der gedrehten Litze als Verbindung zum Apparat. Diese praktische Neuerung übernahm Dreyfuss für sein Model 500 von den Mikrophonen der Funkgeräte in den amerikanischen Flugzeugen im Zweiten Weltkrieg. Das Beispiel der Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Gestaltungslösungen zeigt deutlich, dass es gerade bei diesem technischen Gerät des Alltags zuerst um den prakitschen Nutzen ging und weniger um ein individuelles Design.

In Deutschland war es vor allem die Firma Siemens, die seit 1919 entscheidend zur Gestaltung von Tischfernsprechern beitrug. Schon 1928 brachte sie das Modell W28 auf den Markt, dessen Hörer aus Phenolharz auf den ergonomischen Studien der werkseigenen Abteilung für Formberatung unter Wilhelm Pruss entwickelt wurde. Das Gehäuse und die Gabel waren noch aus Metall, aber man hatte offensichtlich über den Einsatz von Kunststoff nachgedacht, wie eine Abbildung einer Broschüre der Bakelite in Erkner von 1931 zeigt. Hier werden Telefonteile abgebildet, darunter auch der Hörer und das Gehäuse des W28 (oben rechts).

Modell 55, Telefon „Siemens Modell 55“

Nach dem Krieg arbeitete die werkseigene Formgebung weiter an innovativen Lösungen. So entstand 1954 unter der Federführung von Herbert Oestreich das Modell 55. Bermerkenswert ist hier die Tatsache, dass der Hörer in der Mitte senkrecht über der Wählscheibe aufliegt, so dass das Gerät schmaler als die mit dem Hörer quer zum Gehäuse ist. Der Handapparat kann so gleichermaßen von Rechts- und Linkshändern gegriffen werden, ohne dass sich die Schnur verheddert. Das Gerät ist der erste Apparat von Siemens aus einem thermoplastischen Kunststoff und erhielt 1954 eine Goldmedaille auf der 11. Triennale in Mailand.

Eine weitere Innovation aus dem Jahr 1954 war das Modell mit einer Wähltrommel statt der bisher üblichen Wählscheibe. Das setzte sich jedoch nicht durch, da die Trommel leicht hängenblieb und dadurch die gewünschte Rufnummer nicht korrekt übermittelt werden konnte.